Der erste Tag mit offizieller Maskentragepflicht im ÖV – Eine Zusammenfassung aus Zugbegleiter-Perspektive

Seit Mitte Juni steigt die Anzahl der Neuansteckungen mit dem Corona Virus wieder. Die Anzahl Reisender auf dem Zug aber auch. Da hat der Bundesrat am 01.07.2020 beschlossen ab heute (06.07.2020) eine Maskenpflicht einzuführen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. (1)

Und wie war nun der erste Tag?

Kurzfassung: Gut!

Langfassung: Gut, aber es war sehr anstrengend mit einigen Fahrgästen und ich musste mich ein paar Mal zusammen reissen um keine unsensiblen Kommentare abzugeben. Da ich heute «alleine» unterwegs war und sehr lange Züge hatte, machte ich einige Präsenzgänge und schaute ob die Fahrgäste auch wirklich ihre Masken tragen. Ich hatte 3 Kunden, die eine Extraeinladung brauchten, um die Maske aufzusetzen. 2 Kunden die gar keine Maske hatten(einer davon war ein alter Mann, er hörte schlecht und ich musste fast schon schreien, um ihm zu erklären er müsse im Zug eine Maske tragen. Die anderen Reisenden haben schon angefangen sich umzudrehen und ihre Kopfhörer raus zu nehmen. Das war mir etwas peinlich). Und noch einige die mit ihren Schaals und Bandanas kreativ wurden.

Eine Kundin in der ersten Klasse fragte mich einige gute Fragen, welche ich gerne teilen möchte:

«Was passiert dann, wenn man keine Maske trägt

Einfache Frage, man fliegt raus.
Respektive, man wird gebeten den Zug beim nächsten Halt zu verlassen. Nur blöd, wenn der Zug von Zürich nach Basel (oder so) non-Stop fährt. Nächste Frage.

«Muss man die Maske tragen, wenn man sich allein im Wagon befindet

Gute Frage. Die Maskentragepflicht ist, im Prinzip, immer umzusetzen. Heisst, man trägt die Maske im Zug auch, wenn niemand sonst da ist.
Ich finde es wichtig mit gesundem Menschenverstand zu handeln. Also, wenn sie sich nun ganz, ganz, allein im Wagen befindet, fände ich es nicht so schlimm, wenn sie die Maske abnimmt. Allerdings ist das ist in meinen Augen eine Grauzone, die von jedem Kollegen anders interpretiert werden kann und darf. Ich würde das in etwa so erklären: «Falls Sie sich mit einem hardcore-Umsetzer der Maskenpflicht anlegen, könnte es durchaus sein, dass Sie dann eine halbe Stunde später zu Hause ankommen»

Die mühsamsten Fahrgäste von heute:

Ein Typ in der Ersten, der während der Rush-Hour, seine Maske neben sich liegen hatte und keinen Anstand machte diese anzulegen. Auch nicht als ich Ihn fragte ob er eine Maske hat. Ich verstehe ja, dass er meint in seinem eigenen 4-er Abteil ist er «safe», aber, junge wo lebst du denn, dass du meinst in der Schweiz, auf meinem Zug, nach deinen eigenen Regeln spielen zu dürfen. Also habe ich eine nette Durchsage gemacht und die Reisenden gebeten uns zu unterstützen indem Sie ihre Masken tragen, damit Ihn die anderen Fahrgäste auch böse anschauen. Leider ist er kurz danach ausgestiegen.

Am Anfang der Tour war ich noch motiviert, aber je später es wurde umso anstrengender wurde das Ganze.
Als ich schon auf dem Feierabend-Zug war schoss ein Fahrgast noch den Vogel ab.

Was ich damit sagen will: Ich habe Ihn, als er einstieg begrüsst und sagte noch so etwas wie ‘vergessen sie die Maske nicht’. Als ich später durch einen gut belegten 2. Klasse Wagen laufe, sitzt er da, ganz ohne Maske. Also habe ich Ihn gefragt ob er eine Maske hat. Er nickte. Dann habe ich Ihn gebeten die Maske aufzusetzen.
« Aber das ist total unbequem, ich mag das nicht»
«schauen sie, alle in diesem Wagen haben eine Maske auf. Ich finde es auch nicht bequem und die anderen wahrscheinlich auch nicht, also setzen sie bitte ihre Maske auf»
«Wiso muss man das denn jetzt machen?»
«Weil der Bundesrat das so beschlossen hat und nun im ganzen ÖV die Maskenpflicht gilt, somit auch auf diesem Zug. Setzten sie jetzt bitte ihre Maske auf.»
Dann kramte er in seiner Jackentasche und nahm sie ganz langsam hervor. Ok. Gut. Ich wollte schon gehen, aber dann schaut er die Maske noch ganz lange an und drehte sie in den Händen, schaute sie wieder an. Dann hatte er sie zuerst nur übers Kinn auf. Das hat echt gedauert bis der sie dann über die Nase gezogen hat. Wie im Kindergarten hier.

Er dachte wohl er kann mich provozieren, aber in solchen Situationen habe ich echt Geduld, weil ich mir dann immer denke: Was ist, wenn diese Person zufällig eine geistige Behinderung hat. Ich will ja nicht mit einem schlechten Gewissen ins Bett gehen. Deshalb hör ich mir an was die Fahrgäste so zu sagen haben und finde dann eine Lösung. Man kann nie wissen, vielleicht ist es ja berechtigt. Schlussendlich mach ich sowieso das was der Zugchef will. Gut war ich heute meine eigenen Zugchefin und wenn ich ein ego-Debriefing machen müsste, würde ich sagen, ich habe den Vorfall und den Rest der Tour sehr gut gemeistert.

Somit komme ich zum Fazit des Tages: Etwa 95% der Fahrgäste hatte eine Maske an und einige davon waren sogar schön. Manche hatten die Masken passend zum Outfit kombiniert, was mir auch gut gefallen hat. Ich habe den Tag überstanden und bin froh, dass ich den Rest der Woche frei habe.

2 Kommentare zu „Der erste Tag mit offizieller Maskentragepflicht im ÖV – Eine Zusammenfassung aus Zugbegleiter-Perspektive

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